Spiel, Satz - und kein Sieg?
QUERPASS
Spiel, Satz - und kein Sieg?
Seit dieser Saison habe ich ein Problem. Es wird neu gezählt. Was privat ja noch zu verkraften wäre. Denn wenn wir einmal 16:5 gewinnen, kann ich mir immer noch sagen, es war ein 7:2. Aber ich habe beruflich auch mit Tennis zu tun. Für die RHEINPFALZ und Sonntag aktuell versuche ich, in der Pfalz den Überblick zu behalten. Und das macht, rein rechnerisch, keinen Spaß mehr.
Im Verband - und darauf sind sie besonders stolz - haben wir jetzt ein einheitliches Regelwerk für alle. Sie wissen ja, wir haben die in Deutschland einmalige Konstruktion, uns drei Bezirke (Pfalz, Rheinhessen, Rheinland) samt Landesverband (TV Rheinland-Pfalz) zu leisten. Mit im sportlichen Boot sitzen in der Oberliga zudem die Saarländer. Leistungsklassen haben wir eingeführt, die besonders gut ankommen. Aber auch eine neue Zählweise. Die Doppelabschenkerei hatte derart Überhand genommen, dass bei uns jetzt ein Einzel zwei Punkte bringt und ein Doppel drei - eine 5:1-Führung nach den Einzeln neuerdings also nicht mehr automatisch den Sieg bedeutet. Wer in diesem Frühjahr berichtete, 11:10 oder 17:4 gewonnen zu haben, erntete fragende Blicke. Klar ist, wer gewonnen hat. Mehr nicht.
So weit, so gut. In der Pfalz spielt aber auch eine Bundesliga-Mannschaft. Die BASF-Damen (Ludwigshafen) treten - im Gegensatz zu den Herren - zu sechst an, gezählt wird klassisch. Die Herren 30 des BASF TC wurden Oberligameister und waren am ersten Augustwochenende Gastgeber der Aufstiegsrunde. Wie wurde gezählt? So wie früher, heißt es dann. Mit dem Zahlensalat ist es aber noch nicht genug. Wer nach Mannheim fährt, um Bundesliga zu schauen, darf sich auf einen überschaubaren Zeitrahmen einstellen. Klasse. Tennis nur noch so lange wie eine der großen Wagner-Opern. Viererteams und Champions-Tiebreak. Der Grillabend ist nicht durch Drei-Satz-Matches und Regenpausen gefährdet. Gunter Kummermehr, der frühere Mannheimer Spieler, der mit den BASF-Jungsenioren in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist, war noch nicht am Neckarplatt in dieser Saison. Aber die neuen Regeln haben die Runde gemacht. „Ich habe gehört, dass es voll die Glückslotterie ist. Schade, die Matches, die mal bis nach Mitternacht gingen, waren etwas Besonderes", findet Kummermehr.
Um es kurz zu machen. Das deutsche Tennis würde sich einen großen Gefallen tun, wenn es sich an internationalen Gegebenheit orientiert, einheitliche Regeln schaffen würde und eine für Deutschland einheitliche Zählweise. Auch sollte das Tennis die bestehenden Klasseneinteilungen - von oben runter: Bundesliga, 2. Bundesliga, Regionalliga, Oberliga und so weiter - deutschlandweit einhalten. Und es nicht Landessportwarten überlassen, willkürlich Klassen zu killen, wie im Südwesten mit der Regionalliga vor Jahren geschehen. Das Niveau pendelt sich von alleine ein.
Nicht-Tennisspieler nehmen den weißen Sport dann nicht mehr als eigenbrötlerisch wahr. Gespräche mit Nicht-Tennisspielern können zu einem nicht endenden Kreuzverhör werden, in dem immer mehr berechtigte Fragen ein sehr schlechtes Bild auf die Sportart werfen. Warum gibt es keine einheitliche Regeln? Warum gibt es keine Regionalliga? Warum erhalten die Bayern in Aufstiegsrunden zur 2. Bundesliga einen Startplatz und fünf andere Landesverbände müssen den zweiten unter sich ausmachen?
Im Tennis machen sich viele Leute viele Gedanken, wie etwas besser gemacht werden kann. Dem Mitgliederschwund soll Einhalt geboten werden. Gut. Jetzt wird an allen Ecken und Enden an Rädchen gedreht. Dabei geht aber das große Ganze aus den Augen verloren. Bambini und Senioren spielen mit Viererteams, warum also nicht auch die Bundesliga? Weshalb aber die Herren und nicht die Damen? Ja, wir sind wieder bei dem Thema mit den berechtigten Fragen.
Bei der Bewertung der neuen Zählweise in der Bundesliga wird es ebenso große Befürworter wie Gegner geben. Für die einen war Zidane der Übeltäter, für die anderen war Materazzi der böse Bube. Wer mit Tennis aufwächst, wird groß mit 30:0, Spiel, Satz, Sieg und Ergebnissen wie 9:0, 5:4 und 7:2. Das geht in Fleisch und Blut über. Wer in den Videotext schaut oder in der Zeitung in einem Zahlenspiegel nach Informationen sucht, dem sagt ein 3:3 wenig. Im Tennis hat es immer einen Sieger gegeben, wenigstens das. Und wenn es wegen Regen hin und her ging und das dritte Doppel hat im Tiebreak des dritten Satzes schon 1:6 hinten gelegen und noch 11:9 gewonnen, dann ist ein 3:3, 8:8-Sätze einfach eine Zumutung.
Werden die Spielregeln wieder geändert, darf eines vergessen werden. Die Tennisfans nehmen wahr, dass „herumgedoktert" wird. Gerade die „Event"-Besucher vergrault man damit, weil sie auf dem unbekannten Terrain den Überblick verlieren. Die Franzosen spielen fünf Einzel und ein Doppel. Meinetwegen die Variante, auch mit Champions Tiebreak, dann gibt es aber wenigstens jedes Mal einen Sieger und einen Verlierer. Schön wäre es, die Regelung für Herren- und Damen-Bundesliga einzuführen, allen Klassen darunter sowie allen Seniorenklassen ein einheitliches Zähl- und Regelwerk zu verpassen. Schließlich sollte es alle Klassen auch durchgängig geben. Christine Kamm
KAMMC / KAMMC
Quelle:
Publikation: Sonntag Aktuell
Regionalausgabe: Vorderpfalz
Datum: Nr.33
Datum: Sonntag, den 13. August 2006
Seite: Nr.14
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