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Vier Jahre College-Tennis härten bestens ab

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Bejamin Becker
bei den Römerberg Open 2005




Bild: Klaus-Venus.de

Senkrechtstarter im Tennis-Zirkus - Benjamin Becker kann (sich) seine Leistungs-Explosion erklären

Vier Jahre College-Tennis härten bestens ab


Die Leute sind manchmal ein bisschen ungezogen. Weltweit passiert es ihm mittlerweile, dass Besucher von Tennisturniern zu seinem Platz gehetzt kommen und dann enttäuscht wieder weglaufen. B. Becker - das zieht. Aber nur, wenn der Leimener Boris Becker die Keule schwingt. Sein Namensvetter Benjamin Becker (25) hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient, denn schließlich ist er innerhalb eines Jahres aus dem Nichts fast bis ins Himmelreich der Top 100 gestürmt. „Es fehlen noch ganz schön viele Punkte", sagt er ganz bescheiden. Aber lange wird es wohl nicht mehr dauern.
Benjamin Becker also. Auf der Homepage der ATP-Tour heißt es schlicht: keine biographischen Informationen vorhanden. Das könnte sich bald ändern, weil der junge Mann aus dem Saarland zu seiner eigenen Überraschung mittlerweile Turniere spielt, „die ich früher nur im Fernsehen gesehen habe". Der Senkrechtstarter im deutschen Herrentennis ist auf Heimat-„Urlaub". Nebenbei spielt er für seinen Verein Schwarz-Weiß Neckarau in Mannheim in der 2. Bundesliga Tennis. Die Verpflichtung hat eine angenehmen Nebeneffekt. Am Sonntagabend flog er nach dem verlorenen Finale von Segovia (Spanien) nach Deutschland. „Und dann war ich drei Tage zu Hause." Für einen Tennis-Weltenbummler ist das so schön, wie für Normalsterbliche ein Wochenend-Kurztripp. Drei Nächte im eigenen Bett, die Familie sehen. Becker kommt aus Orscholz im Saarland nahe der luxemburgischen Grenze. Einen der Tage opferte er dem Fernsehen, dessen Interesse mit dem Erfolg kommt. Am Donnerstag trainierte er gegen Abend mit den Mannheimer Mannschaftskameraden. Und das hat ihm sichtlich gut getan und Spaß gemacht. In Mannschaftsstärke saßen Senioren der Neckarauer am Spielfeldrand, um zu sehen, wie er jetzt so spielt. „Er muss sich erst einmal auf Sand umstellen", klärten die Herren auf.
Stichwort Sand? „Früher habe ich schon lieber in der Halle gespielt", gesteht der Rechtshänder, dem es schwer fällt, seinen rasanten Aufstieg einzusortieren. „Ich bin selbst überrascht", gesteht der zurückhaltende Zeitgenosse und fängt an, etwas weiter auszuholen. Vor sechs Jahren war er beispielsweise einmal für einige Wochen in Japan mit Denis Gremelmayr unterwegs, dem Lampertheimer, der morgen zum ersten Mal in seiner Karriere in der Weltrangliste unter den Top 100 geführt werden wird.
Während Gremelmayr sich über die Kleinturniere mühsam nach oben kämpfte, nahm Becker, der ein ausgesprochener Teammensch ist, ein Angebot wahr, das für ihn das große Los war. Er ging nach Amerika studieren. Zusammen mit dem Ludwigshafener Markus Hornung, der nur ein Jahr blieb, danach aber das Tennis seines Lebens spielte, landete er in Waco/Texas. Weil die beiden wegen Visa-Problemen zu spät kamen, gab es für das deutsche Duo die erste Zeit einen morgendlichen Extra-Drill. Vier Jahre lang ist Becker in Texas geblieben und hat dort im Team gespielt. Für Becker war es die perfekte Schule fürs (Tennis-)Leben. „Da geht es heiß her", sagt er. Die Zeit hat ihn geprägt und das Rüstzeug für seinen Beruf mitgegeben: eine gute körperliche Verfassung, mentale Stärke und einen professionellen Umgang mit seinem größten Gut, dem Körper.
Die Jugend war auch kein Zuckerschlecken gewesen. Vom 14. Lebensjahr an fuhr Becker zum saarländischen Leistungszentrum und dem dortigen Trainer Eduard Samuel mit dem Zug. 60 Kilometer einfach. Das hieß für ihn um 7 Uhr morgens aus dem Haus gehen und nach Schule und Tennis abends um 21 Uhr heimkommen. Das Schlimmste war für ihn dabei, immer alleine zu sein. Deshalb hat er vor dem Abitur auch ein halbes Jahr pausiert „und mit Freunden was gemacht und die Jugend genossen". In Oberscholz hat der Köln-Fan auch Fußball gespielt, erst Junioren, dann bei den Herren in der Bezirksliga.
Lange her. Becker hat doch noch sein Glück als Tennisprofi gefunden. Und wenn er heute reist, ist er nicht mehr so frustriert und genervt davon. „Ich habe mich daran gewöhnt, es macht mir auch nicht mehr so viel aus. Im Flugzeug kann ich mittlerweile schlafen", erzählt Becker, der sich auf Hartplätzen am wohlsten fühlt. Die deutschen Kollegen, die er nur aus dem Fernsehen kannte, seien alle nett. Mit Tommy Haas hat er sich kürzlich eingeschlagen, auch Rainer Schüttler kennengelernt, „nur Nicolas Kiefer nicht, weil er verletzt war".
Am Freitag gewann Becker sein Einzel für Neckarau gegen Gabriel Trujillo-Soler vom TC Wolfsberg-Pforzheim 7:6, 6:4, die Partie endete 3:6, heute schlägt er noch einmal im Heimspiel gegen Weinheim auf, dann geht"s schon wieder weiter nach New York. „Er ist damals völlig ohne Perspektive nach Amerika gegangen. Die Kombination Uni, Tennis, Freunde war für ihn perfekt. Was daraus geworden ist, sehen wir ja ..." sagt der alte Weggefährte Markus Hornung anerkennend.
Ein Semester fehlt zwar noch zum Abschluss. „Ich kann aber zurückkommen, wann ich will", sagt der Student internationaler Wirtschaft. Im vergangenen Sommer hatte Becker bei den Römerberg Open im Finale gestanden, im August startete er seine internationale Karriere. Ein Schlüsselerlebnis hatte der Schützling des französischen Coachs Tarik Benhabiles, der Becker gemeinsam mit dem Bayer Benedikt Dorsch betreut, beim Future-Turnier in Laguna Niguel (USA), das er als Lucky Looser gewann. Es folgten drei weitere Sieg bei den kleineren Turnieren, im März diesen Jahres gewann er in Salinas (Ecuador) ein Challanger-Turnier. Der für ihn bisher schönste Erfolg seiner Karriere war der Einzug ins Hauptfeld von Wimbledon, wo die Leute dann enttäuscht waren, dass es nicht der echte B. Becker war ... Christine Kamm
KAMMC / KAMMC
Quelle:
Publikation: Sonntag Aktuell
Regionalausgabe: Vorderpfalz
Datum: Nr.33
Datum: Sonntag, den 13. August 2006
Seite: Nr.15
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